Clare Goodwin — Jenseits des Gegenstands?

Besprechung

Die in Zürich lebende britische Künstlerin Clare Goodwin stellt in ihren Malereien und Installationen den gängigen Kanon der Gegenstandslosigkeit infrage und trickst dessen strenge Regeln aus. Ihre «konstruktive Nostalgie» strebt zur formalen Reinheit und wird doch vom Geist des Alltags eingeholt und durchdrungen.

Zürich — Wenn Clare Goodwin (*1973) über ihre Arbeit spricht, erwähnt sie die 1970er- und 1980er-Jahre, als handle es sich um das weit entfernte Paläolithikum. Sie beschreibt die damalige unhinterfragte Allmacht der Männer und die Krawatten als deren Symbol. Die Farbpalette der in schrägen Streifen angeordneten Malerei auf roher Leine im Werk ‹It’s All About›, die der Ausstellung bei Lullin + Ferrari den Namen gibt, entspringt direkt jener «entrückten» Zeit. Die Beige-, Rostrot-, Hellblau- und Militärgrüntöne beschwören frühe Erinnerungen der Künstlerin aus Birmingham herauf. In der Streifentextur wird jegliche farbliche Regelmässigkeit durch das Spiel der Varianten unterwandert.


Goodwins Malereien spielen auf raffinierte Weise postkonstruktivistisch mit einem zerbrechlichen Gleichgewicht. Schon in der Titelgebung holt die Britin den Geist des Figurativen wieder ins Bild zurück: Die meisten Arbeiten hat sie mit Vornamen von befreundeten Personen benannt. Obwohl die Werke in ihrer malerischen und materiellen Erscheinung gegenstandslos sind, drängt sich die Frage auf: Sind sie das wirklich? Sie stellen scheinbar kein Objekt dar und enthalten gestalterisch auch keine Erinnerung an einen Gegenstand. Oder können Farbe, Proportion oder formaler Bezug als Gegenstände bezeichnet werden? Goodwins Bilder sind fassbare Form, makellose Farbe, im Zusammenspiel umkämpftes Gleichgewicht. Abstrakte Kunst erinnere noch an den Gegenstand, von dem sie abstrahiert wurde, sagt die Kunsttheorie. Konkrete Kunst entstehe hingegen jenseits des Gegenstands, sei reine Gestalt. L’art pour l’art. Goodwin spielt mit diesen Gesetzen und hintergeht sie. In ihren Bildern und Skulpturen geistert die Alltagswelt weiter herum in der Materialität, Farbgebung, dem Titel, aber auch in der Form. Ein Rechteck erinnert an ein Fenster, eine waagrechte Linie kündigt einen Horizont an, eine senkrechte Wellenlinie suggeriert einen Vorhang. Die mit Plastik beschichteten Spanplatten in den erstmals präsentierten «collagierten» Installationen evozieren intensiv gelebtes Familienleben in Working-Class-Küchen. Die Bilder und Skulpturen von Goodwin sind komplexe Architekturen und raffinierte Seiltanzakte zwischen Flächen, Ausdehnungen, Farben und Materialien. Goodwin forscht und geht an die Grenzen. Ihre Werke sind materialisierte Untersuchungen der suprematistischen Balance, der Kontraste von Johannes Itten und und des Bildes als Objekt. 

von Barbara Fässler

Kunstbulletin 10/23

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