Anne-Lise Coste — Das Herz öffnen oder Grenzen schliessen?

Sie arbeitet freihändig und ohne Blatt vor dem Mund. Anne-Lise Coste bringt die Worte der Strasse und des Protests ins Museum. Ihre Kunst ist sozialkritisch, ihr Antrieb aber bleibt der Eros. In Zürich wurde die Südfranzösin zur Künstlerin. Jetzt kommt sie für ihre Ausstellung ‹Poème Police› im Kunsthaus Baselland zurück in die Schweiz.

Sors le Monde, 2019, Zeichnungen aus der Serie ‹Bleu Blanc Rouge›, 2006, Airbrush auf Papier, je 130 x 95 cm, Fondation pour l’Art Contemporain Claudine et Jean-Marc Salomon, Annecy. Foto: Sébastiano Bartoloni

Wir telefonieren ohne Zoom. Mein Schreibtisch ist mein «Bilderschirm» für das Gespräch mit Anne-Lise Coste: Kataloge, Künstlerbücher, Ansichten von Werken und Ausstellungen. Auf den Blättern pulsieren die Farben, schwingen und krakeln die Linien, ertönen Worte, Sätze. Es ist, als hätte die Künstlerin eben erst ihren Arm sinken lassen. Ich meine noch das Zischen einer Sprühdose zu hören. Die Bewegungen ihres Körpers leuchten nach.
«Wo bist du?» – «Ich bin in Sète.» Unsere Stimmen reisen zwischen der südfranzösischen Küstenstadt und Zürich hin und her. Es ist Freitagnachmittag. Am Abend wird Anne-Lise Coste auf die Strasse gehen und sich mit einer wachsenden Community gegen ein geplantes Parkhaus im Stadtzentrum engagieren. Erst vor kurzer Zeit ist sie aus Athen zurückgekehrt, wo sie die letzten vier Monate verbracht hat. Auch dort tauchte sie ein, verband sich mit den Menschen. Sie schwärmt von den Stras­senmalereien, welche die Stadt überziehen. «Das schönste Freilichtmuseum!» Sie selbst arbeitete früher mit Airbrush, seit zwei Jahren mit wasserbasierter Sprayfarbe, da sie den Geruch nicht mehr verträgt. Ihre Werke haben den direkten, spontanen Charakter von Graffitis. «Zeichnest du auch im öffentlichen Raum?» – «Nicht viel, kleine Dinge mit einem Marker wie ‹Nique ton père› (fuck your father) oder ein Herz.»

Poésie, 2020, Airbrush auf Leinen, 230 x 165 cm, Courtesy Ellen de Brujine Projects, Galerie Elisabeth & Reinhard Hauff, Lullin + Ferrari, Nogueras | Blanchard. Foto: Jeroen de Smalen

Hier wurde ich DJ
Seit den Anfängen ihres Schaffens ist Anne-Lise Coste eine gefragte Künstlerin mit Auftritten in Europa und den USA. Die meisten musealen Einzelausstellungen hatte sie in Frankreich, ihrem Mutterland und Wohnort, und der Schweiz. Mit Letzterer ist ihr künstlerischer Werdegang eng verbunden. Noch während ihres Studiums an der Zürcher Hochschule für Gestaltung konnte sie 1998 an Bice Curigers Überblicksschau ‹Freie Sicht aufs Mittelmeer› im Kunsthaus Zürich teilnehmen. Danach folgten Einzelauftritte im Kleinen Helmhaus in Zürich, 1999, im Museum Bellpark Kriens, 2001, und im Kunsthaus Glarus, 2005. Die Limmatstadt erlebte damals eine Zeit der Öffnung. Die Gegenwartskunst florierte im Industriequartier; die neu entstandene Gastronomie verströmte ein mediterranes Lebensgefühl. «In Südfrankreich konnte ich mich damals abends als Frau nicht frei bewegen. Zürich war unglaublich offen und bot mir viele Möglichkeiten. Hier wurde ich sogar DJ!»
In den letzten Jahren werden Anne-Lise Coste wieder vermehrt grosse Einzelausstellungen bereitet. Im CRAC in Sète, in der Fondation pour l’Art Contemporain Claudine et Jean-Marc Salomon in Annecy und im Urdla in Villeurbanne konnte man regelrecht eintauchen in ihre überbordenden Bilderräume. Die Offenheit ihrer Kunst, die Teilhabe an ihrer Gefühlswelt und ihren Gedanken, die sie ermöglicht, und die Energie, mit der sie diese überträgt, treffen auf Resonanz. Wer sehnt sich nach zwei Jahren Pandemie nicht nach Öffnung und Unmittelbarkeit?
«Hast du schon einmal etwas an die Wand geschrieben? Es hat eine unglaublich befreiende Energie!» Die Frage macht mich kribbelig, als hätte sie mich aufgefordert, eine Grenze zu überschreiten. Und gleichzeitig entwickelt nur schon die Vorstellung einer solchen Handlung Kraft. Anne-Lise Coste erlebt diese Energie mit jedem Kunstwerk, das sie erschafft. Sie arbeitet ohne Skizzen oder Modelle, ohne Konzepte. Sie agiert aus dem Impuls heraus, aus dem Gefühl. Ihre Arbeiten, die auf Papier, ungrundierter Leinwand oder direkt auf der Wand entstehen, sind äusserst performativ. Sie sind Ausdruck ihres Körpers, ihrer Bewegungen, ihrer Anwesenheit.
Die Sprache nutzte sie von Anbeginn, um ihrem Innenleben Ausdruck zu verleihen und sich im Raum zu manifestieren. Ihre Worte und Sätze sind Sprechakte, die sich ganz unterschiedlich vollziehen. Die Worte treiben über die Wand, stechen ins Auge, strahlen aus, brechen ab oder verlieren sich in der Unschärfe. Sie verschlingen sich mit den Linien, tauchen ab in Farbfelder, schieben sich übereinander oder bedecken in endloser Wiederholung das Blatt. Die Künstlerin überlässt es uns, wie wir diese Bilder empfinden, sehen, lesen oder hören. Wir können den Text als Form betrachten, können einzelne Worte verknüpfen oder herauspicken. Die einen hören das Geschriebene vielleicht gesungen, gerufen, skandiert, die anderen gemurmelt, geflüstert oder als «stillen Schrei», wie Anne-Lise Coste eine Kritzelei einmal beschrieben hat.

La La Cunt, 2020, Ausstellungsansicht Dortmunder Kunstverein. Foto: Simon Vogel

Poesie und Polizei
In neueren Werken lässt die Künstlerin vermehrt auch einzelne grosse Schriftzüge wirken. So schrieb sie 2020 auf die Wand im Dortmunder Kunstverein: «For a new Thelma and Louise where they don’t die at the end». Ein Aufruf und ein Wunsch für einen anderen Geschichtsverlauf der weiblichen Lebenswege. In einer Airbrush-Zeichnung auf Leinwand schrieb sie das Wort «Pute» neben eine Frauenfigur, die auf Pablo Picassos ‹Les Démoiselles d’Avignon› referenziert. Der vulgäre Begriff für Prostituierte (die «Démoiselles» standen im Bordell Modell) in Verbindung mit dieser Ikone der modernen Malerei eröffnet Fragen, ortet Konflikte und Problemzonen unserer Gesellschaft.
Ab Anfang April ist im Kunsthaus Baselland ihre Ausstellung ‹Poème Police› zu sehen. Im Wort «Police» schwingt bei Anne-Lise Coste alles mit, was mit Kontrolle und Ausgrenzung zu tun hat: rassistische Polizeigewalt, die Repressionen an den europäischen Grenzen, unsere Überwachung durch Kameras und Daten, aber auch die «Polizei» in unseren eigenen Köpfen. «‹Poème› und ‹Police› stehen für zwei verschiedene Dynamiken. Es geht mir um die Frage, die aus ihrer Verbindung entsteht: Wollen wir unser Herz öffnen, oder wollen wir unsere Grenzen schliessen?» Die Frage stellt sich auf allen Ebenen, im Persönlichen wie auch im Politischen.
Im Kunsthaus Baselland realisiert Anne-Lise Coste die zwei Begriffe als Neonarbeit, «Police» in Block-, «Poème» in Handschrift. In jüngster Zeit schafft die Künstlerin vermehrt auch Objekte oder benutzt Fundstücke wie Fenster oder Plastikflaschen als Träger ihrer Zeichnungen. Aus den zahlreichen Second-Hand-Läden in Athen, in denen sich viele Menschen einkleiden, hat sie Kleidungsstücke erworben, die sie besprayt. Der Mensch ist nur als Spur anwesend, als Symbol für soziale Werte und Normen: Das rosa Kleid erinnert an einen jungfräulichen weiblichen Körper, der nicht berührt werden darf; ein Hemd an die Uniform, mit der man sich in einer grösseren Körperschaft auflöst.
Anne-Lise Coste hat durch ihre Art, wie sie Kunst macht, eine hohe Glaubwürdigkeit. So geht sie auch für ihre Ausstellung in Muttenz mit ihrer Freiheit bis ans Äusserste. Die Neonschrift ist das Einzige, das zu dem Zeitpunkt, als ich diesen Text schreibe, feststeht. «Ich mache Ausstellungen so, wie ich Kunst mache. Ich behalte mir die Offenheit und Freiheit bis zum Schluss.» Anne-Lise Coste reist mit leichtem Gepäck, reagiert vor Ort auf die Räume, gemeinsam mit den Menschen, die da sind.

Von Meret Arnold, freie Autorin und Kuratorin in Zürich.

Publikation Kunstbülletin 05/2022, Artikel zugänglich: https://www.artlog.net/it/kunstbulletin-5-2022/anne-lise-coste-das-herz-offnen-oder-grenzen-schliessen

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